E-Mobilität: Airwheel X8 und Alienboard Hoverboard

(c) Markus Jahn

Ausgangspunkt: Der Paradeplatz

Mein Büro liegt direkt an einem ehemaligen Paradeplatz. Klingt vielleicht spannender als es ist, denn de facto hat sich die Stadt einfach dazu entschlossen, den ehemaligen Parkplatz zu einer ungefähr fußballfeldgroßen Teerfläche umzuwidmen. „Zum Schlendern“, sagt die Stadt. „Zum Fotos machen und Posen“ denken sich Automagazine und Tuner der Region, die Donuts auf der Fläche ziehen. Und dann gibt es noch eine weitere Gattung: Die Kids, Teens und diversen Halbstarken, die auf elektrischen… naja, wie nennt man sie… Hoverboards mit viel LED-Geblinke ihre Kreise ziehen. An manchen Tagen beschleicht mich das Gefühl, dass inzwischen mehr Kinder über den Platz fliegen als zu laufen. Das sind die Momente, in denen ich mein Mountainbike – das neben dem Schreibtisch steht – anschaue und im nächsten Atemzug zum Airwheel runterschiele, um dann eine Minute später selbst über den Paradeplatz zu schweben. Nicht zum Posen, selbstverständlich, sondern um mir im Supermarkt etwas zu Trinken zu kaufen.

Die selbstbalancierenden Scooter

Für all jene, die sich dem Medienrummel um die „selbstbalancierenden Scooter“ bislang mit Erfolg entzogen haben, hier kurz eine kleine Exkursion. In grauer Vorzeit – Anno Domini 2001 – wurde der Segway erfunden, ein „elektrisch angetriebenes Einpersonen-Transportmittel mit nur zwei auf derselben Achse liegenden Rädern, zwischen denen die beförderte Person steht und das sich durch eine elektronische Antriebsregelung selbst in Balance hält.“ (Wikipedia) Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte:

(c) Nick Gray from New York City, USA – Me on a Segway HT, CC BY-SA 2.0

Die sieht man bis heute in deutschen Gefilden allenfalls in kleinen Tourismus-Reisegruppen herumfahren, möglicherweise aufgrund deren hohen Preises von neu mindestens 8.000,- €. Nun dachten sich wohl andere schlaue Leute, dass es doch wohl möglich sein muss, die Segway-Technologie auch günstiger, auf ein Rad komprimiert und ohne Lenkstange anbieten zu können. Damit wurden vor wenigen Jahren die elektrischen, selbstbalancierenden Einräder erfunden. Die gibt es von ganz vielen Anbietern: Solowheel, Monowheel, Ninebot, Airwheel u. v. a. Und zwar zu Preisen von im Schnitt 700 – 900 €. Für das hier gefahrene Airwheel X8 wirft Idealo gar einen Preis von aktuell 600,- € aus.

Das Auspacken beider Geräte ist denkbar unspektakulär

Das Airwheel kommt mit einem Ladegerät, einer Art Haltegurt (dazu gleich noch), Stützrädern und einer Anleitung. Beim Alienboard ist es ein Ladegerät, die Anleitung und eine passende Tragetasche. Nach dem ersten Aufladen – das Airwheel braucht maximal 2h, das Alienboard 2-3h – ist das Anschalten und/oder Aufsteigen umso spektakulärer: Beim Airwheel ertönt ein einfaches Piepen und die Akkuanzeige schaltet sich ein. Dann muss man nur noch die Pedalplatten herunterklappen und los geht’s. Versucht man jetzt aber auf das Einrad aufzusteigen, kommt der erste „F*ck!!!“-Moment: „Darauf soll man fahren können?“ Wer noch nie auf einem Einrad stand oder saß, kann sich das so vorstellen: Man hält das Airwheel gerade und stellt dann einen Fuß auf das Trittbrett. Natürlich kippelt das Airwheel jetzt in diese Richtung. Wenn man nun den anderen Fuß nachzieht und durch nach vorne Neigen des Körpers vorwärtsfahren will, passiert… naja… man fährt 2-3m und verliert das Gleichgewicht. Also nochmal. Und nochmal. Und wieder. Und weiter. Genau dafür liefert Airwheel den Haltegurt und die Stützräder mit. Mit den Stützrädern kann man erstmal üben, vorwärts und rückwärts zu fahren. Das fand ich unnötig, weil sich das Prinzip recht schnell ergibt. Das Airwheel reagiert feinfühlig, aber nicht überraschend oder gar übersensibel auf das Körpermoment. Der Haltegurt dient dafür, das Airwheel aufzufangen wenn es umfällt, damit es keine Kratzer beim Üben bekommt. Dumm nur: damit ist es gar noch schwerer zu fahren, sodass ich nach wenigen Versuchen den Gurt weggenommen und stattdessen das Airwheel einfach in ganz viel Schaumstoff eingepackt habe. Was sicherlich gut war, denn es sollte noch viele Male umfallen.

Beim Alienboard ertönt beim Anschalten gleichfalls ein Piepen. Und blaue und grüne LEDs gehen an. Und eine laute Stimme schreit förmlich: „Waiting for Bluetooth connecting“ (ja, genau so). Wenn man den ersten Schrecken überwunden hat, kann’s auch hier losgehen. Man stellt gleichfalls einen Fuß aufs Trittbrett, wobei das Alienboard feinfühliger als das Airwheel reagiert, man insofern sensibel und vorsichtig aufsteigen sollte, andernfalls das Alienboard unter einem wegfährt. Danach mit einem beherzten Tritt den anderen Fuß nachziehen – und man steht drauf. Und dreht sich erstmal, wie ich, im Kreis. Oder so. Aber man fährt. Auf Anhieb. Kurven fährt man durch einseitige Fußbewegung wie bei einem Gaspedal und geradeaus, indem man beide Füße gleichmäßig nach unten drückt. Und das hat man ziemlich schnell drauf: Nach gut einer halben Stunde fährt man das Alienboard echt ziemlich gut. Ohne Stürze, ohne ungewollte Abstiege.

Das Schaumstoff-Einrad

Zurück zum Airwheel. Mit dem Schaumstoff-Einrad bin ich also abends auf einen großen Firmenparkplatz, der dankenswerterweise in der Mitte eine durchgängige Barriere hat, an der ich aufsteigen und dann fahren üben kann. Anders als Alienboard erarbeitet man sich beim Airwheel am besten eine Strategie: Als erstes übt man das Aufsteigen an einer Stange oder Wand und fährt dann solange geradeaus, bis man das Gleichgewicht auch über längere Distanzen hält. Erst dann kommen Kurven, die man dann mit ein wenig Übung immer enger ziehen kann. Die Krönung ist dann das Aufsteigen ohne Hilfe: Dazu stellt man einen Fuß aufs Airwheel, stößt sich mit dem anderen ab, nimmt also Fahrt auf und zieht dann den anderen Fuß nach. Ich persönlich habe viele Stunden damit verbracht, bis ich das Airwheel halbwegs sicher fahren konnte. Und bin mehrfach auch ungemütlich abgestiegen. Daher habe ich mir ziemlich bald Schienbeinschoner angelegt, was eine gute Entscheidung war. Im Internet habe ich indes mit einigem Neid zahlreiche Videos von Leuten gesehen, die nach gut einer Stunde ziemlich fix auf Airwheels unterwegs waren. Der Mann einer Freundin hatte nach 20 Minuten auch schon eine ziemlich gute Balance – es gilt also wie üblich: „Your mileage may vary“.

Ungemütlicher Start beim Airwheel

Zwischenfazit also: Beim Airwheel ist der Start ein wenig ungemütlich und je nachdem mit flacher Lernkurve. Auf das Alienboard steigt man hingegen auf und kann es binnen relativ kurzer Zeit fahren.

(c) Markus Jahn

Und danach? Das Airwheel X8 hat ein großes 16“-Rad und überwindet damit auch größere Hindernisse. Es lässt sich mit etwas Übung sogar auf Wald- und Feldwegen fahren. Es ist handlich, fährt sich spielerisch und ist ein echter Hingucker – mutmaßlich deshalb, weil sich wenige vorstellen können, wie man ein Einrad doch so gut händeln kann. An Ampeln oder Fußgängerüberwegen muss man sich logischerweise an Stangen oder dergleichen festhalten, was im Alltag jedoch kein Problem ist. Etwas lästig können Bordsteine sein – niedrigere erklimmt man ganz gut, wenn man sie mit etwas Geschwindigkeit anfährt. Höhere gehen jedoch nicht. Heißt also, wenn man keinen abgesenkten Bordstein findet, muss man zwangsläufig absteigen und wieder neu anfahren. Auch wenn Airwheel behauptet, bis 18 km/h schnell fahren zu können, liegt die realistische Geschwindigkeit bei 12 km/h – darüber fängt das Airwheel zu piepen an und bremst den Fahrer schrittweise wieder auf 12 km/h zurück. Das heißt, wenn man schneller fahren möchte, muss man sich konstant über das Bremsmoment des Airwheels lehnen, was das Fahren weniger stabil macht. Tatsächlich sind höhere Geschwindigkeiten aber auch mit Risiken verbunden, v. a. dann, wenn man durch tiefere Furchen oder auch Einkerbungen in der Straße fährt – dann neigt sich das Airwheel aufzuschaukeln oder wegzukippen und man fällt unweigerlich.

Das Alienboard ist mit seinen 6,5“-Rädern deutlich eingeschränkter

Es eignet sich daher am ehesten für geteerte Straßen und Wege. Dort fährt es aber ziemlich gut, wenn man von Bordsteinen absieht. Kleine Bordsteine gehen gerade noch so, größere erklimmt das Alienboard nicht. Man hat also am besten einfach eine plane Fläche – wie unseren tollen Paradeplatz vor meinem Büro. Durch die beiden Räder ist man auch im Stand stabil, muss sich also nicht an Stangen oder dergleichen festhalten. Man kann sich auch auf der Stelle drehen und hat allgemein einen sehr kleinen – nämlich quasi gar keinen – Wendekreis. Die Geschwindigkeit liegt gleichfalls bei 12 km/h. Auch das Alienboard neigt bei Furchen zum Überkippen. Feld- oder Waldwege funktionieren nicht.

Am Airwheel ist die Möglichkeit sehr angenehm, dieses bei Benutzung von U- oder S-Bahn hinter die Knie zwischen Unterschenkel und Sitz verstauen zu können. Beim Alienboard bietet sich das Verstauen in der Tasche an, sollte man sie dabeihaben. Andernfalls muss man irgendwie versuchen, das Board im Fußraum unterzubringen. Überhaupt, was macht man wenn man die Teile zwar dabeihaben will, aber nicht fahren kann? Beispielsweise im Supermarkt oder im Kaufhaus? Das ist bei beiden nicht einfach, denn beide wiegen ca. 11kg. Das Alienboard steckt man in die Tasche und schleift es mit sich, aber es ist ziemlich unhandlich. Jedenfalls sofern man die Tasche dabei hat. Das Airwheel hat einen Tragegriff und ist zwar handlicher, aber längere Zeit tragen will man das auch nicht. Für das Airwheel haben sich Tüftler eine Trolleykoffer-Handlebar entworfen. Damit kann man das Airwheel wie einen Koffer neben sehr herschieben, was sehr angenehm ist – leider scheint es das aber nicht mehr zu kaufen zu geben, sodass man höchstens noch eine passende selbst herstellen kann. Heißt aber: Ohne etwas Erfindergeist sollte man möglichst überall mit seinem Board oder Wheel fahren können, denn tragen macht wenig Freude.

Und wie weit kommt man damit dann? Beim Airwheel sind es bei einem ca. 90kg schweren Fahrer im Schnitt 15 km. Wobei mir nach etwa 30-40 Minuten Dauernutzung die Füße einschlafen, weil man nur teilweise auf dem Pedal stehen kann. Das Hoverboard soll laut Herstellerangabe 15 bis 20 km halten, wobei ich das nicht getestet habe. Man steht aber immerhin recht bequem darauf, weil die Fläche recht breit und lang ist.

Was ist da sonst noch? Das Hoverboard hat tolle Blinke-LEDs und Bluetooth-Lautsprecher. Und ja, die funktionieren auch. Das Airwheel hat das nicht. Who cares.

Im öffentlichen Straßenverkehr verboten

Abschließend: Darf man mit den Dingern auf öffentlichen Straßen fahren? Nö, darf man nicht. Wird man von der Polizei angehalten? Ja, ist mir schon passiert. Das ist umso mehr bedauerlich, weil der deutsche Staat zwar Elektromobilität propagiert, dann aber innovative Konzepte auf der anderen Seite wiederum ausbremst.

Was gibt’s also abschließend zu sagen? Beide Fahrzeugkonzepte überzeugen auf ihre Weise. Das Airwheel als praktischer Begleiter im Alltag, der einiger Übung verlangt. Und das Hoverboard als Spiel- und Spaßgerät, das man quasi auf Anhieb beherrscht.