Motorrad angetestet: Harley-Davidson 2006 VRSCR Street Rod

(c) Mario Wallisch

Das richtige Motorrad für sich zu finden kann manchmal recht schwierig sein. Der Sportler zu glatt, das Naked Bike charakterlos, der Tourer zu schwer, die Enduro zu hoch, der Chopper zu langsam. Und das, obwohl der Motorradmarkt so breitgefächert ist wie nie zuvor ist: jetzt rückt sogar schon Harley-Davidson mit einem Modell nach, das vor zehn Jahren noch absolut undenkbar gewesen wäre.

Mit allen Traditionen gebrochen

Wir erinnern uns, 2002 brach die Company mit der V-Rod all ihre Traditionen. 60° Zylinderwinkel statt 45. Hochdrehzahlkonzept. Wasserkühlung. Vier Ventile pro Zylinder. Einspritzung. Doppelt oben liegende Nockenwellen. Eben all das, was man heute von einem modernen Sportmotor erwartet. Aber nicht von einer Harley. Dementsprechend groß war der Aufschrei all jener, die mit den guten alten Shovelheads und Evolutions verwachsen sind. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Dabei war die V-Rod im Grunde genommen doch ein perfektes Motorrad – eigenständiges Styling kombiniert mit Power bis zum Abwinken und einem tollen Fahrwerk. Nur eine Kleinigkeit fehlte ihm rein konzeptbedingt: die Schräglagenfreiheit. Im weiten Amerika vielleicht nicht so wichtig, aber in Europa ein echter Mangel für solche, die es auch mal krachen lassen wollen.

All jene, die sich die V-Rod als echtes Fahrmotorrad wünschen, sollen ab sofort mit einem ganz neuem Fahrzeugkonzept bedient werden. Nach dem Performance Cruiser jetzt also der Performance Roadster, namentlich VRSCR. Was die Abkürzung VRSCR heißt? V-Twin Racing Street Custom Roadster. Oder einfach nur Street Rod. Rein optisch auf den ersten Blick im Grunde genommen eine deutlich höhergelegte V-Rod. Auf den zweiten Blick offenbaren sich dann die vielen Unterschiede. So beispielsweise eine Upside-Down-Gabel, die mittig platzierten Fußrasten, Speichenfelgen, Dual-Straight-Shot-Endtöpfe. Und natürlich die schönen Details: der Hydro-Forming-Rahmen mit seinen Rundungen, die fein gerippten Zylinder, die elegant integrierte Kühlerverkleidung und die verzierten Brembo-Bremssattel. Wenn die VRSCR Street Rod eines ganz bestimmt nicht ist, dann eine der vielen Ducati Monster-Kopien. Glücklicherweise. Ob sie eine echte Harley ist, mag wiederum jeder für sich entscheiden.

Was für ein Gefühl, wenn man auf dieses Bike aufsitzt!

Für eine Harley ungewöhnlich hoch, mit weit hinten platzierten Fußrasten und einer leicht geduckten Sitzposition. Da ist man gleich richtig in die Maschine integriert mit tollem Knieschluss am Tank und sehr passend platziertem Lenker. Sozusagen mitten drin, statt nur dabei. Nach dem Starten ist der Motor dank Einspritzung sofort da, dreht erst leicht höher und rastet kurz später in den Leerlauf ein. Ganz sanft übrigens, schließlich wird dem Revolution von einer Ausgleichswelle und Gummipuffern Einhalt geboten. Nach einem lauten „Knack“ rastet der erste Gang ein. Dabei benötigt die hydraulische Kupplung übrigens relativ hohe Handkraft, woran man sich allerdings sehr schnell gewöhnt. Der V2 dreht fein, aber nicht ohne sich bemerkbar zu machen hoch. So spürt man beim Beschleunigen immer dieses angenehme Schlagen im Rahmen. Da lebt was! Egal welche Drehzahl man fährt, der Motor beweist eine tadellose Laufkultur, untermalt von einem kraftvollen Sound. Das ermöglicht Cruisen in niedrigen Drehzahlen genauso wie schnelles Angasen konstant über 7.000 U/min. Und da drückt der Revolution auch gewaltig ins Kreuz, kennt beim Beschleunigen kein Erbarmen; egal, in welchem Gang. 108 Nm liegen bei 7.000 U/min an, 120 PS dann kurz vor der Höchstdrehzahl von 9.000 U/min. Übrigens drei PS mehr als bei der V-Rod, anderer Auspuff sei Dank. Die Getriebeabstimmung ist bis auf die ersten zwei Gänge gut gelungen, die für schnelle Kurvenfahrt zu weit auseinander liegen: ist man im ersten Gang, dreht der Motor zu hoch, im zweiten zu niedrig zum vollen Beschleunigen.

Und wen es interessiert: 3,4s auf 100, Vmax über 220 km/h, Spritverbrauch ca. 6,5l/100 km.

(c) Mario Wallisch

Schräglagenfreiheit von 40°

Dem Auspuff verdankt man übrigens unter anderem auch die große und, wie sich bei unzählig vielen Kurven herausgestellt hat, absolut ausreichende Schräglagenfreiheit von 40°. Setzte bei der V-Rod der untere Endschalldämpfer rechts sehr schnell auf, lassen sich mit der Street Rod selbst enge Kurven mit hoher Geschwindigkeit fahren. Erst bei wirklich radikaler Fahrt setzen die Angstnippel an den Fußrasten gutmütig auf; ansonsten hat man immer große Reserven. Eine Tatsache, die man rein beim Lesen der Daten gar nicht vermuten würde: 1.700 mm Radstand, 110 mm Nachlauf, 280 kg Leergewicht. Aber das täuscht. Es geht wirklich! Es braucht zwar schon etwas Körperkraft, um die Maschine von der einen in die nächste Kurve werfen. Hier wäre ein etwas breiterer Lenker wünschenwert, der das Handling noch besser machen würde. Ansonsten ist das Handling aber überzeugend. Die Dunlop D207 leisten sich übrigens keine Schwäche, grippen in jeder Situation einwandfrei. Allerdings ist man nach einiger Zeit intensiver Kurvenfahrt dann erstmal reif für eine kleine Pause – 280 kg bleiben eben 280 kg. Fest steht aber: man hält selbst mit sportlichsten Motorrädern auf der Landstraße mit, solange diese nicht an die äußersten Grenzen getrieben werden.

Die Fahrwerksabstimmung ist den Amerikanern tadellos gelungen

Zwar ist die Upside-Down-Gabel nicht einstellbar, aber dafür kommt auch gar kein Bedarf auf. Die Federbeine können in Zug- und Druckstufe eingestellt werden. Genügend straff und dennoch komfortabel, auch auf Wellen und beim Überfahren von Fugen einwandfreie Stabilität. Kein Wunder bei dem Radstand! Die Street Rod folgt der Linie auch bei hohen Geschwindigkeiten, wobei man da, ganz Naked Bike-typisch, mit dem Wind zu kämpfen hat. Übrigens sogar deutlich stärker, als auf der V-Rod. Passend zum Fahrwerk liefert Harley Brembo-Bremsen, die ihrem Namen alle Ehre machen. Leicht dosierbar und mit wenig Handkraft werden hervorragende Verzögerungswerte erzielt. Vorne als auch hinten. Allerdings wären Edelstahl-Bremsscheiben wünschenswert gewesen, da die montierten zum Rosten neigen.

Nach all dem Lob bleiben leider noch ein paar kleine Kritikpunkte offen. So sind beispielsweise die Instrumente schwer ablesbar, was insbesondere mit ihrer Lage zu tun hat. Dafür ist die Reichweitenanzeige ein schönes Feature. Außerdem ist der Fußbremshebel sehr weit oben platziert und nicht einstellbar. Nicht unproblematisch auch die Spiegel, bei denen man sich sehr schwertut, überhaupt etwas vom Verkehr hinter einem zu sehen – vielmehr sieht man nämlich sich selber. Auch so ein Problemfall ist die Betankung. Der Tank sitzt unter der Sitzbank und ist mit 18 Litern und einer Reichweite von etwa 250 km ausreichend groß; V-Rod-Fahrer mussten spätestens alle 180 km nachfassen. Allerdings sollte vorsichtig betankt werden, da ansonsten die Suppe unermüdlich links herunterläuft und den Lack angreift.

Ansonsten aber ist es dem Team um William G. Davidson gelungen, eine echte Fahrmaschine auf die Straße zu stellen. Eine, die der typischen Harley-Kultur treu bleibt, nämlich nie eine Kopie, sondern ein Trendsetter zu sein. Mit tollem Sound, einem einwandfreien Fahrwerk und großer Schräglagenfreiheit. Und das zu einem recht akzeptablen Preis von 16.155 €.

Fakten

Revolution-Motor, 1.130 cm³ V2 60°, 89 kW (120 PS) bei 8.300 U/min, 108 Nm bei 7.000U/min, 285 kg Leergewicht, >220 km/h, Elektronische Benzineinspritzung, Wasserkühlung, Beschl. 0-100: 3,9s, Verbrauch 5,9l

Bilder